Gibt es eine Hierarchie in der Musik?

Als ich ein Heranwachsender oder später ein junger Student war wunderte ich mich darüber, daß die Namen der Interpreten auf den Ankündigungsplakaten übermäßig groß und die vorangekündigten Werke der Komponisten verhältnismäßig bescheiden klein ausfielen.

Schnell wurde mir klar, daß es etwas mit dem kommerziellen System zu tun hatte. Denn die Komponisten und ihre Werke kannte man ja, aber die Attraktion war der Interpret, der -wenn er berühmt war- für ein ausverkauftes Haus sorgen konnte.

Anfangs beugte ich mich dieser scheinbar unumstößlichen Logik. Bis ich in rebellischer Weise alles in Frage stellte, was ich bisher als gegeben ansah. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, daß ich nie der „berühmte Pianist“ war, der die Säle voll machen konnte? Keine Frage – in jungen Jahren wollte ich berühmt werden und Karriere machen. In der Form wie ich es mir erträumte, hat es nie statt gefunden. Interessanter Weise war ich aber weder frustriert noch traurig wegen dieses Umstandes, denn ich weiß was das Sprichwort in Japan besagt: „Vorteil ist Nachteil und Nachteil ist Vorteil“!

Es geht nicht nur in der Musik um die Freiheit!  Als berühmter Interpret ist der Terminkalender über Jahre hinaus vollgebucht. Die Kontrolle über das eigene Leben haben dann andere. Der Widerspruch ist nur der, daß eine der Voraussetzungen um der Musik uneingeschränkt dienen zu dürfen ist,  frei zu sein! So gesehen ist es ein Vorteil für die Musik nicht selber berühmt zu sein. Leider ist Ruhm besonders heutzutage die Voraussetzung dafür um überhaupt künstlerisch tätig zu sein. Welcher Heldentenor möchte nicht einmal in Bayreuth Siegfried aufführen dürfen? Die Championsleague verlangt eine beinharte Selektion. Meine Vorstellung bezieht sich daher auf Soloauftritten, die keine kostenintensive Aufführungen bedürfen.

Zurück zu den Plakaten. Sollte man sie vielleicht so gestalten wie früher, als man unten ganz klein die Namen der handelnden Musiker druckte und in fetten Lettern die Komponisten und ihre Werke pries? Die Antwort darauf hebe ich mir für später auf.

Zuerst will ich die Aufmerksamkeit der Leser darauf richten, daß die Konzertprogramme nicht immer so kompakt ausgesehen haben wie heute. Es fällt auf, daß immer mehr Menschen den Drang haben alles komplett zu besitzen. Alle 32 Beethoven Sonaten, alle 9 Symphonien oder am besten das gesamte Oevre auf CD oder DVD zu haben scheint erstrebenswert. Die Frage darf erlaubt sein zu wissen, wie oft die Besitzer solcher Sammlungen alle ihre Schätze auch in Ruhe angehört und genossen haben, oder ob es ihnen genügte zu wissen, daß sie in ihrem Regal zu finden wären.  Auch Interpreten scheinen es sexy zu finden Gesamtwerke eines Komponisten einzuspielen, oder haben die Kulturmanager ihnen dazu geraten? Dieser Trend ist absurd. Man geht ja auch nicht in ein Restaurant und bestellt die gesamte Speisenkarte!

Wenn ich mir wünsche, daß die Interpreten sich selber nicht so wichtig nehmen und einen Schritt zurück nehmen, dann wünsche ich dasselbe auch von den Komponisten und ihren Werken! Die Musik verträgt keine Götzen, weder auf seiten der Interpreten, noch auf seiten der Komponisten. Die Musik ist ein Resultat der Energie des Universums, ist also schon da und war schon immer da. Sie wird nur gefunden und verwaltet von denen, die sie aufgeschrieben haben, also den Komponisten und denen, die sie zum Klingen bringen, also den Interpreten.

Aus dieser Einstellung heraus habe ich mich entschlossen Konzertprogramme in Zukunft etwas anders zu gestalten. Die Musik will ich thematisch zueinander fügen und dabei auch nicht davor zurückschrecken etwa zwischen einzelnen Sätzen einer Sonate andere Musik anderer Komponisten einzufügen, wenn sie sich ergänzen oder ein gewollter Kontrast entstehen soll. So werde ich bei meinen nächsten Konzerten die es-moll Sonate op.26 von Samuel Barber nach dem dritten Satz durch eine Variation in g-moll aus Bachs Goldbergvariationen ergänzen und nach dem vierten Satz, der Fuge, das Thema der Goldbergvariation spielen, quasie um den Schrecken zu neutralisieren in der Hoffnung, daß es wie ein Medikament wirkt, nachdem die Zuhörer sich in den Sätzen 1,3 und 4 atmosphärisch in einer Hölle befunden hatten. Es werden zu gegebener Zeit die Resultate auf Youtube veröffentlicht werden.

Wenn ich Konzerte meiner Kollegen organisiere versuche ich traditionell zu bleiben um niemanden zwangszubeglücken.

Alphonse Sauer