Den Konzertveranstaltern gehen die Lichter aus

MATTHIAS NASKE

Trotz Corona-Lockerungen bleibt die Lage prekär. Eine Entspannung ist nicht in Sicht, droht doch mit der Saison 2020/21 der nächste wirtschaftliche EinbruchKOMMENTAR DER ANDEREN Matthias Naske  

9. Juli 2020, 07:00

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Im Gastkommentar macht Konzerthaus-Intendant Matthias Naske auf die fehlende Planungssicherheit im Kulturbereich aufmerksam. Und er kritisiert, dass die Corona-Eindämmungspolitik mit zweierlei Maß messe. 

Langsam geht uns im Wiener Konzerthaus die Luft aus: Den Betrieb ab Herbst aus eigener Kraft zu sichern ist trotz allen Einsatzes eine beinahe unmögliche Herausforderung. Nach den Wochen der Angst und des Stillstands folgen die Wochen der schrittweisen Lockerungen, die bei den kulturellen Betrieben nur mit besonders gravierender Verzögerung ankommen. Eine Folge dieser Einschränkungen werden weitreichende negative betriebswirtschaftliche Konsequenzen sein.

Ein ganz offensichtliches Dilemma liegt in der Unvereinbarkeit der zeitlichen Planungshorizonte: Während kulturelle Institutionen ihr künstlerisches Konzept in vielen Details über Saisonen und damit über Jahre im Voraus planen und vertraglich in feste Bahnen lenken, disponieren und reagieren die Gesundheitsbehörden zur Bekämpfung der Pandemie im Wochen- und Monatstakt. So wird in diesen Wochen Flexibilität im kulturellen Sektor in einem Maß erwartet, das an die Grenzen des Machbaren führt.

Die Perspektive für kulturelle Betriebe ist stark reglementiert, und die Appelle der Systemrelevanz von Kultur bleiben weiter ungehört.

Zweierlei Maß 

Während das Leben in Österreich in vielen Bereichen nach dem jähen Stillstand ab Mitte März langsam eine sorgsam moderierte Normalität annimmt, ist diese Perspektive für kulturelle Betriebe noch immer substanziell reglementiert. Mein Eindruck ist, dass mit unterschiedlichem Maß gemessen und die Bedeutung der kulturellen Teilhabe in ihrem elementaren Wert für die Gesellschaft nicht angemessen gesehen wird. Es ist nicht nachvollziehbar, warum Menschen in Flugzeugen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder in der Gastronomie auf engstem Raum nebeneinander sitzen dürfen, jedoch der eingebrachte Vorschlag einer uneingeschränkten Platzbelegung mit der Vorgabe der Mund-Nasen-Schutzpflicht für alle Besucherinnen und Besucher einer kulturellen Veranstaltung keine Zustimmung findet.

Ungehörte Appelle 

Die jüngst veröffentlichte Covid-19-Lockerungsverordnung bringt den Kulturbetrieben, die überwiegend eigenwirtschaftlich arbeiten, ab dem 1. 9. 2020 nur wenig Erleichterung. Im Tenor der Einschätzung mancher politisch handelnden Personen werden kulturelle Betriebe so zu einem krisenbedingt verzichtbaren Teil unseres Zusammenlebens. Und alle Appelle der Systemrelevanz von Kultur bleiben ungehört. Zumal: Wenn es schon kein Verständnis für den ideellen Wert von Kunst und Kultur geben mag, so sollte doch zumindest die Einsicht in die wirtschaftliche Relevanz unseres Schaffens für die vielgefeierte Kulturnation bestehen.

Es braucht keine visionären Fähigkeiten, um vorauszusehen, dass uns allen schwierige Jahre bevorstehen. Die wirtschaftlichen Schäden und Belastungen der Volkswirtschaft infolge der Corona-Pandemie werden immer deutlicher zu Tage treten und bei den Menschen ankommen. Dabei wird die Verunsicherung durch eine potenzielle Ansteckung mit dem Coronavirus noch das geringste Übel sein. Trotz vieler Anstrengungen der Regierung, zumindest jene Teile der Wirtschaft zu stärken, von denen man der Ansicht ist, sie seien es wert, werden unzählige Arbeitsplätze verlorengehen. Unzählige Menschen werden sich weit schneller, als sie es sich vorstellen können, als „Menschen ohne Welt“ wiederfinden. Der Philosoph Günther Anders beschrieb den Menschen ohne Welt als einen, der gezwungen ist, in einer Welt zu leben, die nicht die seine ist. Wir haben soziale Herausforderungen vor uns, die wir in den ersten Monaten der Krise verdrängen und dennoch nur dann gemeinsam meistern können, wenn wir uns auf die stärkste gemeinsame Kraft, die Solidarität, besinnen. Kulturelle Institutionen haben dabei eine zentrale Funktion für die Aufrechterhaltung der Integrität der Gesellschaft. Nur wer sich als Teil einer funktionierenden Gesellschaft erlebt, wie pluralistisch diese auch immer ist, wird sich gemeinsamer Werte besinnen und Solidarität leben können. Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass kulturellen Betrieben eine notwendige Rolle in der Aufrechterhaltung und der Stärkung der Demokratie gerade in Krisenzeiten zukommt.

Drohendes Budgetloch 

Der in diesen Tagen veröffentlichte Fixkostenfonds für Non-Profit-Organisationen hilft die Fixkosten der ersten Phase der Corona-Epidemie auszugleichen und wird vielen gemeinnützigen Vereinen erlauben, mit einem blauen Auge über die ersten Monate hinwegzukommen. Die eigentliche Krise in der Kulturwirtschaft steht mit dem Beginn der Saison 2020/21 jedoch erst bevor. Am Beispiel des Wiener Konzerthauses kann das leicht transparent gemacht werden: Bisher waren wir als privater Verein in der Lage, den über 900 Konzerte umfassenden Spielbetrieb größtenteils aus eigener Kraft zu finanzieren – lediglich elf Prozent unserer Einnahmen stammen aus öffentlichen Zuwendungen. Unser konsequent auf Effizienz und Effektivität aufgebautes betriebswirtschaftliches Modell kann unter den ab 1. 9. 2020 geltenden Beschränkungen für den Ticketverkauf nicht fortgeführt werden.

Zwischen der „neuen Normalität“ und dem über viele Jahre entwickelten und mit großer Leidenschaft gelebten Modell klafft aufgrund der Einschränkung der Nutzungskapazitäten und des Wegfalls der Deckungsbeiträge aus der Vermietung der Säle ein Budgetloch von 6,1 Millionen Euro. Was der kulturelle Sektor braucht, ist Klarheit, Entschlossenheit und substanzielle Hilfe. (Matthias Naske, 9.7.2020)

Matthias Naske ist Intendant des Wiener Konzerthauses.

Zum Thema:

Pandemie und Kunst


Das Schicksal der Künstler vor dem Hintergrund der Pandemie

Schriftsteller können weiter schreiben und kreativ sein. Die Bücher sind nicht infektiös, höchstens im positiven Sinne.

Kunstmaler und Kunstphotografen können weiter kreativ sein und ihre Werke veräußern.

Film- und Fernsehschauspieler sind in der Lage weiter zu arbeiten und im Kino oder Fernsehen zu glänzen.

Aber anders ist die Situation für Theaterschauspieler. Sie haben quasi Berufsverbot.

Und was machen Musiker?

Klar, sie können und müssen sogar weiter üben, aber welche Perspektiven haben sie? Ähnlich wie Theaterschauspieler lebt diese Gattung vom interaktiven Austausch mit demPublikums.

Bevor der Hollywoodstar Antony Quinn Filme machte war er Theaterschauspieler und verriet das Geheimnis seiner Bühnenausstrahlung. Er beobachtete hinter dem Vorhang das Publikum und sog deren Energie auf um dann bei der Vorführung diese wieder an das Publikum zurück zu geben! Schon ist die Verschmelzung des Publikums mit den Künstlern da.

Genau das ist das Spannende und nicht zu ersetzende Phänomen von Life- Konzerten. Alternativen gibt es dazu nicht. 

Der verzweifelte Versuch künstlerisch zu überleben indem Online Konzerte oder Studioaufnahmen angeboten werden sind die letzten Zuckungen einer Spezies, die wie kaum eine andere unsere Kultur repräsentieren.

Wohin wird die Reise gehen? Massenveranstaltungen in Konzerthallen mit Tausenden Zuschauern wird es bis auf unabsehbare Zeit nicht mehr geben. Um beispielsweise einige zu nennen: Berliner, Kölner, Essener oder Elbphilharmonie, Der Wiener Musikverein oder Konzerthaus, Concertgebow Amsterdam, Herkulessaal München, Wigmore Hall und Albert Hall in London, Carnegie-Hall in New York werden verwaisen und kosten nur Geld im Unterhalt. Leider lebt Isaac Stern nicht mehr, der zuletzt das traditionsreiche Konzerthaus rettete. Vielleicht erleidet die Carnegie Hall ein ähnliches Schicksal wie der Bösendorfer Saal in der Wiener Herrengasse? Hier konzertierten einst Johannes Brahms, Franz Liszt und Frédéric Chopin. Nach dem Krieg musste das Gebäude einem hässlichen Hochhaus weichen, obwohl es völlig unversehrt den Krieg überstanden hatte. Ein Skandal des Wiener Denkmalamtes. Da haben sich Beamte bestechen lassen.

Vielleicht kommen wir zurück auf die Tradition im 19. Jahrhundert, als hauptsächlich Salonkonzerte von privater Seite organisiert wurden?

Vorstellbar sind solche Haus – bzw. Salonkonzerte mit höchstens 50 Zuschauern. Der Kammermusiksaal der Ersten Wiener Klavierschule hat 60 Personen Fassungsvermögen und würde sich mit Größe und durch die besondere Atmosphäre anbieten.

Vergleiche und versteckter Wettbewerb

Unter Musikern, aber auch unter der Zuhörerschaft ist man stets geneigt Vergleiche anzustellen, vielleicht weil man nach dem Optimum sucht? Jedenfalls ist es ein störendes Element, das der Schönheit der Harmonie widerspricht.

Nun habe ich eine interessante Sportsendung gesehen, in der über American Football gesprochen wurde. Ein Fachmann antwortete sinngemäß auf die Frage was den Reiz dieses Sportes ausmacht: „jeder Typ ist gefragt, egal ob klein, dick, dünn oder athletisch, denn wir brauchen jeden typ um taktisch gewappnet zu sein“!

Ist das nicht schön? Ich möchte das eins zu eins auf die Kunst übertragen. Vorausgesetzt das entsprechende Können ist vorhanden (Sportlich muss der „Dicke“ ja im American Football in jedem Fall auch sein), ist jeder Künstler interessant, der was zu sagen hat! Somit wäre die negative Seite des Vergleichens neutralisiert. So wie wir jeden Mensch für die Evolution brauchen, so brauchen wir jeden individuellen Künstler. Für jeden Geschmack läßt sich einer finden!

Klaviertechniker

Mein erster Schüler ist zwar kein Pianist geworden, dafür aber einer der besten Klaviertechniker der Welt:  
Manfred Häfele von Bösendorfer aus Wien.


Manfred Häfele, Bösendorfer Wien

Sogar der legendäre italienische Pianist Arturo Benedetti Michelangeli verlangte Herrn Häfele, um seinen Steinway für ein Konzert in Wien vorzubereiten und schickte zwei seiner eigenen Techniker zurück nach Italien, obwohl sie absolute Steinway Spezialisten waren. Herr Häfele war Chefstimmer bei den Salzburger und Wiener Festwochen und wußte nicht nur einen Bösendorfer Flügel zu optimieren.

Die zweite Anekdote, daß es mir gelang ihm die d-moll Toccata von Scarlatti mit einem Trick beizubringen, sodaß die Repetitionen extrem brillant gelingen. Dann sprach ich mal mit einem Klassenkollegen aus Wien, der es zu Weltruhm schaffte und zufällig in einer depressiven Phase war und mir anvertraute, daß er an seinen Fähigkeiten zu zweifeln begann. Auf mein Nachfragen sagte er, daß selbst sein Klavierstimmer besser spielen könnte als er selber. Da wußte ich, daß es sich nur um Manfred Häfele handeln konnte! Vielleicht wollte Michelangeli ja auch von ihm nur meine Repetitionstechnik erlernen? (Hoffe meinen Witz verstanden zu haben, sonst wäre das wohl mehr als anmaßend)

Das Pendant zu Manfred Häfele (Spezialist für Bösendorfer) in Wien ist vielleicht Hans Giese (Spezialist für Steinway) in Köln
 
Hans Giese, Kölner Philharmonie

Hier arbeitet Hans Giese am Petrof Model I, der für das Klassikfestival in Buschbell 2013 zur Verfügung gestellt wurde

Der Techniker der Kölner Philharmonie ist ein Künstler auf seinem Gebiet. Er scheint nicht genug zu bekommen von Flügeln und veranstaltet sogar Hauskonzerte mit teilweise weltberühmten Künstlern! Es freut einen zu sehen, daß das Hauskonzert wieder eine Renaissance erlebt.
 

Die Dreifaltigkeit der Klaviertechniker wird komplett durch Eckhard Radmacher. Herr Radmacher hat an der Kölner Musikhochschule sein Konzertexamen als Pianist absolviert und ist ein ausgezeichneter Pianist. Kostproben können auf Sie auf seiner Homepage hören. Selten ist es bei klassischen Pianisten zu finden, daß sie gleichermaßen im Jazz zuhause sind. Das war auch der Traum von Friedrich Gulda, der eine Generation vor mir bei Bruno Seidlhofer studierte.
> Eckhard Radmacher, Steinway & Sons
Eckhard Radmacher machte für sich Guldas Traum wahr, schrieb Note für Note die besten Einspielungen von Oscar Peterson auf Papier und ist noch dazu einer der gefragtesten Klaviertechniker. Das ging soweit, daß der 1.Preisträger des Chopin Klavierwettbewerbs von Warschau 1974, Krystian Zimmermann, ihn auf seine Welttourneen mitnahm um seinen Steinway D Flügel für die Konzerte zu optimieren. Schwer genug jemanden zu finden, der Klassik und Jazz gleichermaßen in sich vereint, aber dazu noch als Klaviertechniker in der Champions League zu agieren ist vielleicht weltweit einzigartig!

https://www.er-pianoservice.de

 

Gruppe Zweifellos lädt ein

Missverständnisse

Missverständnisse entstehen durch unterschiedliche Wahrnehmung der Wahrheit. Was ist aber die Wahrheit? Die Wahrheit ist eine Verbindung zwischen Realität und Wirklichkeit. Während die Realität eine feste Komponente darstellt, ist die Wirklichkeit, also die Art und Weise wie die Realität wirkt, individuell verschieden. Damit erklärt sich, wieso es multiple Wahrheiten gibt.

In jüngerer Zeit ist es spätestens seit der Präsidentenwahl in den USA Mode geworden „alternative facts“ zu schaffen. Da nimmt man einfach eine Komponente heraus, nämlich die Wirklichkeit, um aus politischen Kalkül den Tatsachen eine nicht für alle nachvollziehbare Wirkung zuzuordnen. Genauso falsch wäre es, nur die Realität ohne ihre Wirkung als Wahrheit zu betrachten.

Was ist denn das Gegenteil des Missverständnisses?

Ist es vielleicht die „Einhellige Meinung“?
Kann sie nur in der Theorie gemessen werden, wie etwa in der Vorstellung einer geometrischen Parallele in der Unendlichkeit von Zeit und Raum, so ist das Missverständnis gelebte Wirklichkeit.

Schon in der Sprache zeigt es sich, daß Begriffe unterschiedlich verstanden werden, weshalb oftmals zuerst die Begriffe geklärt werden sollten.

Aber das Hauptargument für die These, daß das Missverständnis (oder die Wirklichkeit) ein Teil der Wahrheit und der andere Teil die Realität ist, liegt wohl darin begründet, daß es mehr als nur eine Wirklichkeit gibt, während die Realität keine Unterschiedlichkeit kennt. Korrekt wäre es also davon auszugehen, daß es soviel Wahrheiten wie Menschen gibt, weil auf jeden die Realität unterschiedlich wirkt.

Für heute ist es meine Aufgabe, aus der Perspektive als Interpret klassischer Klaviermusik das Phänomen näher zu betrachten.

Apropos Perspektive: Zur gleichen Zeit im selben Raum zu sein ist immer nur einer Person vorbehalten, also hat jeder Mensch schon rein physisch eine eigene, individuelle Perspektive. Die wichtigsten Faktoren für Individualität sind aber vielleicht die verschiedene Lebenserfahrungen, das Lebensalter, das Geschlecht und die unterschiedlichen Gene, die Erziehung und die Sozialisation in Kombination mit differierender Emotionalität.

Kommen wir zur Musik:

Musikliebhaber alter Meister erhoffen sich von klassischen Interpreten, daß sie in der Lage sein mögen, möglichst authentische Werktreue darzubieten, die dann idealerweise, digital auf CD gespeichert, der Nachwelt erhalten bleiben. Hier liegt ein falsches Verständnis der Kunst im Allgemeinen und der Musik im Besonderen zugrunde. Denn Musik lebt von Veränderungen! Das Element der Musik ist die Zeit, repräsentiert vom Rhythmus. Aber selbst ein Gemälde kann Rhythmus suggerieren (denken Sie an Goya, van Gogh oder Edvard Munck), auch wenn ohnehin klar sein dürfte, daß die Wechselwirkung von Betrachter und Kunstwerk dem stetigen Wandel unterliegt und somit nicht regungslos in der Zeit gefangen ist.

Auch der beste Interpret, der auf „absolute“ Werktreue wert legt, spielt jedesmal anders. Glücklicherweise, möchte ich meinen.

Nun ist der Moment gekommen, mich damit näher auseinanderzusetzen:

In der Werktreue liegt das größte Missverständnis aller Interpreten. Der gute Schüler und auch viele professionelle Künstler wollen dem dienen was in den Noten steht. Sie vergessen dabei aber erstens, daß das Wesentliche in der Musik nicht aufgeschrieben werden kann und daß zweitens dabei oft vergessen wird der Musik zu dienen. Lieber dient man der Druckerschwärze.

Die Frage kann man sich stellen, warum ein Komponist X eine Passage in bestimmter Weise aufgeschrieben hat? Soll hier beispielsweise staccato gespielt werden oder tatsächlich staccato klingen? (Zum besseren Verständnis für die, die nicht Klavier spielen: Wenn man einen Ton Staccato spielt, ihn aber im Pedal festhält, klingt er nicht mehr staccato). Schon hier unterscheidet sich die Notationsweise oder Eigenart der einzelnen Komponisten deutlich und ladet ein zum falschen Verstehen.

Wie oft hörte ich in meinem Leben: „Ja – aber da steht doch?“
Es gab Anfang des 20. Jahrhundert einzelne Tonaufnahmen von großen Komponisten wie Rachmaninov oder Scrjabin. Manchmal gibt es von einem Stück gleich mehrere Aufnahmen. Auffallend ist, daß ein Komponist sein eigenes Werk oft vollkommen unterschiedlich spielt und weniger zu tun hat mit dem, was gedruckt ist. Würde Beethoven noch einmal unter uns sein und wir ihn beispielsweise fragen, ob er sich noch an seine Komposition „Für Elise“ erinnerte, würde er es vermutlich bejahen. Dann gäben wir ihm leere Notenblätter und Bleistift mit der Bitte seine „Für Elise“ nochmal aufzuschreiben. Was denken Sie, was heraus kommen würde? Ich habe als Beispiel absichtlich Beethoven genommen, weil er ein sogenannter iTüpfel Reiter (österreichischer Ausdruck für Pedant) war und ich mir trotzdem sicher bin, daß er sein Stück signifikant anders geschrieben haben würde.

Wo liegt hier also das Missverständnisse? Zu glauben das strikte Befolgen der Vorgaben würde den Komponisten dienen ist ebenso falsch wie zu denken, es hätte etwas mit authentischer Interpretation zu tun. Wem sollte denn der Interpret dienen?

Sowohl der Komponist, als auch der Interpret dienen dem gleichen Ziel: der Musik. Die legendäre Sopranistin Maria Callas sagte einmal: „Die Musik ist so erhaben, daß man ihr nur dienen kann!“

Wie schafft man es zu vermeiden, daß der Realität zu viel Gewicht zukommt? Die Antwort gibt uns der Maler Manuel Kandinsky, der sinngemäß sagte: „Was macht ein Kunstwerk aus? Die Farbe? Die Form? Die Striche? Nein, es ist die Atmosphäre, die es erzeugt.“ In dieser Atmosphäre haben dann alle individuellen Wirklichkeiten Platz, weil sie sich dort nicht widersprechen, sondern ergänzen und miteinander verschmelzen.

So gesehen sind Missverständnisse Voraussetzung zur Einhelligkeit.

Copyright Alphonse Sauer

Geistige Brüder?

Robert Schumann – Alexander Skriabin – Leos Janacek
Franz Schubert – Dmitri Schostakovic
Wolfgang Amadeus Mozart – Sergej Prokoffief
Johannes Brahms – Ludwig van Beethoven
Frédéric Chopin – Giacomo Puccini (nicht wie er selber glaubte Bellini)
Johann Sebastian Bach – Olivier Messiaen – Eric Satie
Domenico Scarlatti – Felix Mendelssohn Bartholdy
Richard Wagner – Franz Schmidt – Richard Strauss

…nicht daß ich der Meinung wäre die Musik sei ähnlich, aber die Exaltiertheit Schumanns findet man auch bei Skriabin und Janacek, tiefste Depressionen hören wir bei Schubert und Schostakovic, überbordende Ideen, die so vielfältig waren, daß sie sie in ihrer Fülle nicht aufschreiben konnten verbindet Mozart mit Prokoffief, die Ernsthaftigkeit verbindet Brahms mit Beethoven, wobei ich sagen möchte, daß ich bei Brahms den Humor etwas vermisse. Die Essenz der Musik ist natürlich bei Bach am ausgeprägtesten, aber in diese Richtung arbeiteten auch Messiaen und Satie mit seinem Minimalismus. Geniale Verspieltheit finden wir bei Mendelssohn ebenso wie bei Scarlatti und monumentale Musik vereinen die Zeitgenossen ihrer Zeit Wagner, Strauss und Schmidt.
Viel Spaß bei Assoziieren und Kritisieren.

Wichtig ist, daß wir über unsere Lieblinge nachdenken.

Wer hätte denn noch Ideen wo man Ravel, Debussy und Haydn, Reger, Stravinsky und Verdi charakterlich einordnen könnte?
Schreibt mir, wenn Euch danach ist!

Alphonse Sauer, 30.7.2016

Die Fesseln des Interpreten

Ja – der Interpret muss Respekt haben vor dem Komponisten, aber es genügt nicht, sklavisch das zu realisieren was in den Noten steht.

Was nicht in den Noten steht, ist nämlich weit wichtiger!

Versuchen wir uns die Situation der Klangschöpfer zu versetzen. Ihr Problem ist nämlich das Niederschreiben der musikalischen Ideen. Manchmal sind Anweisungen nicht unbedingt wörtlich zu nehmen! Beispiel: Wenn Frédéric Chopin bei seiner ersten Etüde op.10/1 in C-Dur auf jeder Viertel einen Akzent setzt, dann will er vermutlich nicht, daß es so klingen soll, sondern vielmehr will er sicher sein, daß der Interpret kein Rubato anwendet.

Der sogenannte Urtextspieler realisiert ausschließlich was in den Noten steht, was zugegebenermaßen oft schwer genug ist. Aber das kann nur der erste Schritt sein um den Geist der jeweiligen Musik zu erleben.

Im Gegensatz dazu stehen Künstler, die die Musik benutzen um Klavier zu spielen, dabei sollte man lieber das Klavier benutzen um Musik zu machen. Diese Musiker neigen oft auch dazu, auf „Teufel komm raus“ ihre eigene Originalität zu finden um sich von anderen Kollegen zu unterscheiden. Auch um den Preis, daß es nicht mehr viel mit dem Willen des Komponisten, bzw seiner geschriebenen Komposition zu tun hat. Oftmals werden solche Pianisten von der Zuhörerschaft als besonders genial empfunden.

Ob professioneller Konzertpianist oder klavierspielender Amateur, die Gesetze der Musik gelten für alle:

1. Klang

egal was man tut, es muss gut klingen!

Kein pp darf säuseln oder substanzlos gleichgültig klingen. Kein ff darf gedroschen werden oder das Ohr der Zuhörer beleidigen. Prinzipiell heißt pp „zart spielen“ und ff „groß spielen“
Der Bass soll nicht einfach nur mit Wolllust gedonnert werden, sondern sollte eine Linie haben.
Die Transparenz des Klanges lebt auch von den Mittelstimmen, die manchmal in den Vordergrund rücken. Das bewusste Pedalspiel trägt wesentlich zum Wohlklang bei.

2. Rhythmus

Oftmals muss man die sogenannten Schwerpunktspieler ertragen. Es scheint als fühlten sie sich nur sicher, wenn sie konsequenterweise die „1 “ betonen und merken nicht, wie sehr ihre Musik buchstabiert klingt.
Der Rhythmus bekommt einen besonderen Reiz, wenn er locker und leicht „swingt“. Das staccato -Spiel kann manchmal sehr hilfreich sein, besonders im Wechselspiel zu sanglichen Legato-Passagen. Besondere Aufmerksamkeit sollte den Auftakten gelten um einen zwingenden (oder swingenden) Rhythmus zu präsentieren.

3. Artikulation

Die kleinen Bindebögen werden oftmals übersehen. Sie markieren nicht nur das ausdrucksstarke Lamento (Klagen), sondern bestimmen auch den Charakter der Motive. In der Barockmusik war die Artikulation das Hauptausdrucksmittel, das bis zur Musik von heute seine Bedeutung nicht verloren hat.

4. Dynamik

In anderen Ländern sagt man zum Klavier Fortepiano, also „Lautleise“, weil man im Gegensatz zu Cembalo oder Klavichord dynamische Veränderungen in beeindruckender Weise realisieren kann. Ludwig van Beethoven hat die dynamische Entwicklung des Klaviers stark vorangetrieben. Manchmal kommt der Pianist im Eifer des Gefechtes bis an die Grenze der Möglichkeit seines Instrumentes. Was tun in einer solchen Situation? Es gibt da zwei clevere Reaktionen. Die eine ist etwas breiter werden und die zweite ist, die Ressourcen der linken Hand zu nutzen, wenn die rechte Hand an ihr Limit gekommen ist.

5. Agogik

Der große Pianist Vladimir Horowitz sagte einmal: „Ich spiele Mozart wie Chopin und Chopin wie Mozart“. Was meinte er wohl damit? Vielleicht, daß Mozart oft zu streng gespielt wird, nicht genug singt und unfrei klingt und Chopin bei vielen Interpreten nicht sachlich und klassisch genug klingt, sondern durch zuviel rubatische Willkür am Rande des Kitsches wahrgenommen wird?
Grundsätzlich gilt bei Rubato: am Anfang langsam, in der Mitte schnell und am Ende wieder langsam. Am besten unmerklich, ohne daß die Zuhörer es bewußt wahrnehmen, quasi wie ein Zauberer im Zirkus! Nur das Resultat soll Erstaunen, wie es gemacht wird ist die Aufgabe der Pädagogen es den Schülern zu vermitteln. Allzu gleichmäßiges Spiel lädt schnell zum Gähnen ein. Die Kontrolle des Agogik hat mit Geschmack zu tun und mit Aufmerksamkeit.

6. Die richtigen Noten

Die meisten Schüler hören, wenn sie nicht die richtigen Noten spielen und um das zu verhindern neigen sie oftmals dazu durch Vorbereitung des Spielapparates die richtigen Noten zu treffen. Das Problem dabei ist, daß die Spannung von Ton zu Ton unterbrochen wird.

Alphonse Sauer, 29.7.2016